Rosen:Regen

Es ist schon wieder ein paar Tage her… am 25. November ist Roses Revolution. Hier ist mein Beitrag für dieses Jahr. (-Triggerwarnung-)

Ich liege wach. Es ist 1:20 Uhr. Auf Facebook lese ich von den Rosen vor deutschen Kreißsälen, sehe die Fotos. Für jede Frau, die hier Gewalt erlebt hat, eine. Ich lese nicht alle Berichte, aber ich suche die Fotos der Klinik, in der ich arbeite. Eine Rose liegt vor unserem Kreißsaal. Auch ich habe Geschichten im Kopf, Geschichten von Eingriffen gegen den Willen der Frau. Das passiert leider in nahezu jedem Kreißsaal.

Ich war mit im Raum, habe mit angesehen, was passierte, fiel in Schockstarre, habe nichts getan. Und es tut mir so leid. Auch musste ich Gebärende im Kreißsaal alleine lassen, obwohl sie mich so sehr gebraucht hätten. Ich war nicht an ihrer Seite, war nicht präsent, konnte nicht erklären, dass normal ist, was passiert, und bestätigen, dass es trotzdem gewaltig sein kann. Ich war nicht da, weil mich nebenan eine andere Frau gebraucht hat, weil in Deutschland eine Hebamme dreimal mehr Geburten jährlich betreut als etwa in Norwegen. Auch das Abwesend-sein ist Gewalt in der Geburtshilfe.

Der Start ins Leben prägt fürs Leben. Es ist nicht egal ist, wie wir geboren werden. Nicht egal für das Neugeborene, nicht egal für die neugeborene Mutter. Und auch Väter können traumatisiert aus Geburten herausgehen.

Ich sehe die Rosen und bin dankbar, dass ich niemandem eine vor die Tür legen muss. Meine Geburt war gut. Objektiv eine „ungestörte Hausgeburt“. Meine Hebamme schrieb das so ins Kinderunersuchungsheft und mein Mann ist beeindruckt von meiner Stärke. Die zweite Hebamme sagt: „Ganz schön schnell fürs erste Kind“. Und mein Sohn Willem wirkt friedvoll und fröhlich.

Einige fragen, ob alles so lief, wie ich es mir vorgestellt und gewünscht hatte. Ich bejahe und bin gleichzeitig noch immer sehr sehr überwältigt von der Intensität. Die Wehen waren so stark, eine Naturgewalt. Es wird noch dauern, bis ich verdaut habe, was als „normal“ und „Schöne Geburt“ gilt. Es war gewaltig, aber mir wurde keine Gewalt angetan.

Meine Hebamme war mir vertraut. Wir hatten Zeit, vorher eine vertrauensvolle Beziehung zueinander aufzubauen. Sie fragte mich: „Was macht dir Angst?“. Sie hat mich begleitet und sie war da. So soll es sein. Auch sie musste eine Intervention bei einer vaginalen Untersuchung am Muttermund durchführen, die mir sehr weh tat. Körperlich. Der Unterschied: Sie hat mich um mein Einverständnis gebeten und ich habe es ihr gegeben. Wie sehr hätte dieser Eingriff geschmerzt, hätte sie gegen meinen Willen oder darüber hinweg gehandelt? Und wäre sie mir zudem fremd gewesen oder gar ein Mann, dessen Namen die Gebärende nicht einmal kennt?

Der Verlauf meiner Geburt ist eine Seltenheit. Hausgeburten sind selten in Deutschland. Sie garantieren eine eins-zu-eins-Betreuung. Sie sind sicher. Unter den gegebenen Umständen womöglich sogar sicherer als eine Alleingeburt in der Klinik. Ich wünsch mir, dass weniger Rosen vor Kreißsälen liegen müssen. Ich wünsch mir, dass es weniger Gewalt in der Geburtshilfe gibt. Ich wünsche mir, dass eine Geburt im Kreißsaal wieder so sicher ist wie eine Hausgeburt. Ich wünsche jeder Gebärenden eine Hebamme an ihre Seite.

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